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🧠 Warum ADHS-Diagnosen weltweit steigen?

Die gute Nachricht vorweg: Die tatsächliche Häufigkeit von ADHS-Symptomen ist weltweit relativ konstant geblieben – bei etwa 5,4% bei Kindern und 2,6% bei Erwachsenen. Was sich geändert hat, ist vor allem unsere Fähigkeit, ADHS zu erkennen und zu diagnostizieren.

Über 11% der Kinder in den USA haben mittlerweile eine ADHS-Diagnose erhalten – ein deutlicher Anstieg seit 2003, als es noch etwa 8% waren. Diese Zahlen lösen intensive Debatten aus: Gibt es wirklich mehr Menschen mit ADHS, oder werden wir einfach besser darin, die Symptome zu erkennen? Der Scientific-American-Artikel „Why Are ADHD Rates On the Rise?“ beleuchtet genau dieses Phänomen. (Scientific American)

1. Mehr Bewusstsein besonders bei Mädchen und Frauen

Ein großer Teil des Anstiegs betrifft Mädchen und Frauen. Ihre Symptome zeigen sich oft anders als bei Jungen – weniger durch offensichtliche Hyperaktivität, sondern eher durch Unaufmerksamkeit und innere Unruhe. Viele entwickeln Strategien, um ihre Schwierigkeiten zu „maskieren“, weshalb ihre ADHS jahrelang unentdeckt bleibt. Eine ADHS-Spezialistin berichtet: Trotz ihrer Expertise und obwohl sie bei drei ihrer Söhne ADHS diagnostizierte, übersah sie die Anzeichen bei ihrer eigenen Tochter bis zur Pubertät. „It’s egregious that we don’t have more research on ADHD trajectories in women“, kritisiert eine Forscherin aus Seattle in dem Artikel.

Interessant ist auch: Wenn ein Kind diagnostiziert wird, erhalten oft auch die Eltern erstmals ihre eigene Diagnose. Ein Neurologe berichtet: „Almost invariably [one of] the parents has it, too.“ ADHS ist stark genetisch bedingt (Vererbbarkeit von 70-80%), aber viele Erwachsene wurden als Kinder einfach nicht erkannt.

2. Die Diagnosekriterien wurden verändert

Die diagnostischen Kriterien wurden 2013 mit dem DSM-V etwas gelockert: – Symptome müssen jetzt vor dem 12. statt vor dem 7. Lebensjahr aufgetreten sein – Erwachsene brauchen nur noch 5 statt 6 Symptome für eine Diagnose – Es ist häufiger geworden, ADHS zusammen mit anderen Bedingungen zu diagnostizieren „So when we expand the criteria, obviously you increase a little bit the prevalence“, erklärt ein an den Revisionen beteiligter Psychiater. Diese Änderungen basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, führen aber natürlich auch zu mehr Diagnosen.

3. Die Rolle von Social Media

TikTok und andere Plattformen haben das Bewusstsein für ADHS enorm gesteigert. Das führt dazu, dass mehr Menschen professionelle Hilfe suchen – oft zum ersten Mal. Allerdings gibt es auch Schattenseiten: In einer Studie von 2022 bewerteten Fachleute mehr als die Hälfte der TikTok-Videos über ADHS als irreführend. Menschen werden „bombarded with myths about what ADHS is and isn’t“, warnt die Präsidentin einer ADHS-Organisation.

Das größere Problem: Unterdiagnose

Während in den USA über Überdiagnose diskutiert wird, ist das globale Bild ein anderes. „The problem here is clearly underdiagnosis, stigma and undertreatment“, sagt ein brasilianischer Psychiater über viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Auch in wohlhabenden Ländern zeigt eine Meta-Analyse, dass nur 19% der diagnostizierten Kinder Medikamente nehmen, obwohl etwa 70% davon profitieren könnten. Fast 1% der Kinder ohne formale ADHS-Diagnose erhielten allerdings auch Medikamente. Die Präsidentin einer ADHS-Organisation betont: Ein größeres Problem als mögliche Überdiagnose ist, „that too many people go undiagnosed and untreated.“

📌 Fazit

ADHS wird nicht „mehr“ – wir werden nur besser darin, es zu erkennen. Und das ist letztlich eine positive Entwicklung, solange alle Menschen Zugang zu qualifizierter Diagnostik und individuell passender Unterstützung haben.


Quelle: Helen Pearson & Nature magazine: „Why Are ADHD Rates On the Rise?“, Scientific American, November 2025 Link zum Originalartikel: https://www.scientificamerican.com/article/why-are-adhd-rates-on-the-rise/


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