Die Wirkung von Pferden und Hunden bei Kindern mit ADHS
Viele betroffene Kinder mit ADHS haben Schwierigkeiten, ihr Nervensystem, ihre Aufmerksamkeit und ihre Emotionen zu regulieren – vor allem unter Stress. Doch im Kontakt mit Tieren wirken sie plötzlich ruhiger, präsenter und ausgeglichener. Genau hier setzen tiergestützte Interventionen an: nicht über Erklärungen oder Kontrolle, sondern über Beziehung, Körpererfahrung und unmittelbares Feedback.
| Hunde | Pferde |
|---|---|
| stärken Motivation und emotionale Bindung | starke Wirkung auf Selbstregulation |
| erleichtern Zugang und Vertrauen | fördern innere Ruhe, Klarheit und Präsenz |
| unterstützen das Dranbleiben | reagieren sensibel auf Impulsivität |
| Fazit: geringere Wirkung auf direkte Verhaltensregulation | Fazit: Wirkung oft stärker als Hunde, auch ohne Reiten |
Gründe für die Wechselwirkung
1. Tiere regulieren das Nervensystem
Pferde und Hunde wirken direkt auf der körperlichen Ebene:
- rhythmische Bewegung
- Wärme und Nähe
- gleichmäßige Atmung
- vorhersehbares, klares Verhalten
Diese Reize aktivieren den parasympathischen Teil des Nervensystems – also den Bereich, der für Ruhe, Sicherheit und Selbstregulation zuständig ist. Viele Kinder kommen dadurch spürbar zur Ruhe und fühlen sich innerlich stabiler.
2. Beziehung ohne Bewertung
Tiere bewerten nicht. Sie vergleichen nicht, diagnostizieren nicht und erwarten kein „richtiges“ Verhalten. Für Kinder mit ADHS – die im Alltag oft korrigiert oder ermahnt werden – ist das eine große Entlastung.
Die Beziehung zum Tier basiert auf Echtheit statt Leistung. Das stärkt Selbstwert, Vertrauen und emotionale Sicherheit.
Pferde und Hunde wirken unterschiedlich auf die Kinder
Ein besonders aufschlussreicher Aspekt ergibt sich aus einem Fachartikel von Rachel Wittschier und Dr. Anna Katharina Alexandridis1, in dem untersucht wurde, wie Pferde und Hunde auf Kinder wirken – auch ohne Reiten oder sportliche Aktivität.
Das zentrale Ergebnis der Untersuchung lautet:
Auch wenn manche Kinder Hunde lieber mochten als Pferde, war die regulierende Wirkung des Pferdes insgesamt größer.
Pferde: Starke Wirkung auf Selbstregulation und innere Klarheit
Pferde sind Fluchttiere. Sie reagieren hochsensibel auf innere Unruhe, unklare oder widersprüchliche Signale und impulsives Verhalten. Damit ein Pferd kooperiert, braucht es Ruhe, Klarheit und innere Präsenz.
Genau das macht die Begegnung mit Pferden für Kinder mit ADHS so wertvoll.
Pferde unterstützen Kinder besonders dabei,
- ihr Verhalten zu regulieren
- Impulse zu kontrollieren
- Klarheit in Körpersprache und Kommunikation zu entwickeln
Selbstregulation wird hier nicht erklärt oder eingefordert – sie wird erlebt. Das Pferd reagiert unmittelbar und ehrlich, ohne zu bewerten oder zu beschämen.
Hunde: Motivation, Beziehung und emotionaler Zugang
Hunde wirken auf einer anderen Ebene.
In der Studie zeigten sie vor allem positive Effekte auf:
- Motivation und Durchhaltevermögen
- Aufbau von Vertrauen
- emotionale Erreichbarkeit
Viele Kinder lassen sich über Hunde leichter erreichen, bleiben länger bei einer Aufgabe und fühlen sich emotional sicher. In der direkten Wirkung auf Verhaltens- und Selbstregulation blieben Hunde jedoch hinter den Pferden zurück – auch dann, wenn Kinder Hunde subjektiv lieber mochten.
Weiterführende Quellen
Die Studienlage zu tiergestützten Interventionen bei ADHS ist noch im Aufbau, zeigt jedoch konsistent positive Effekte, unter anderem bei der Verbesserungen der exekutiven Funktionen (z. B. Selbstkontrolle, Planung) und auf das Selbstbewusstsein2. In einer Studie3 wurde gezeigt, dass sich bei pferdegestützten Interventionen die Herzfrequenzen von Pferden und Kindern synchronisieren und dass diese Synchronisation mit zunehmender Erfahrung schnell zunimmt.
Besonders pferdegestützte Interventionen zeigen vielversprechende Ergebnisse – vor allem dann, wenn sie regelmäßig stattfinden und in einem ruhigen, wertschätzenden Umfeld eingebettet sind.
Fazit
Viele Kinder mit ADHS profitieren im Kontakt mit Tieren von einer spürbaren Beruhigung und besseren Selbstregulation. Tiergestützte Interventionen wirken nicht über Kontrolle oder Erklärungen, sondern über Beziehung, Körpererfahrung und unmittelbares Feedback. Während Hunde vor allem Motivation, Bindung und emotionalen Zugang fördern, zeigen Studien und fachliche Beobachtungen, dass Pferde häufig eine tiefere regulierende Wirkung entfalten – insbesondere auf innere Klarheit, Impulskontrolle und Stabilität, oft auch ohne Reiten. Regulation entsteht hier nicht durch Ermahnung, sondern durch Beziehung.
Quellen & weiterführende Literatur
- Wittschier, R. & Alexandridis, A. K.: Wie Pferde und Hunde Kindern mit ADHS helfen können in neue AKZENTE, Nr. 131, 2/2025 ↩︎
- Aviv, T. M., Katz, Y. J., & Berant, E. (2020). The Contribution of Therapeutic Horseback Riding to the Improvement of Executive Functions and Self-Esteem Among Children With ADHD. Journal of Attention Disorders, 25(12), 1743-1753. https://doi.org/10.1177/1087054720925898 (Original work published 2021 ↩︎
- Helmer, A., Hacohen, A. & Bart, O. Child horse harmony in motion: a preliminary study to explore heart rate synchronization in equine assisted therapy for neurotypical and ADHD children. Sci Rep 15, 45312 (2025). https://doi.org/10.1038/s41598-025-29330-6 ↩︎
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