|

Wenn die Diagnose des Kindes zur eigenen wird – mein Weg zur ADHS-Diagnose mit Ende 40

Nachdem bei meinem Sohn ADHS diagnostiziert wurde, begann ich mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen – natürlich erst einmal nur für ihn. Ich wollte wissen, wie ich ihn besser unterstützen kann. Doch das Elterncoaching von Dr. Martin Kimmig und Elke Karrer löste plötzlich eine ganz andere, viel größere Lawine in mir aus.

Vom Elterncoaching zur Selbsterkenntnis

In seinem Vortrag sprach Dr. Kimmig sehr einfühlsam über Vererbung und typische Familiensituationen. Unvermittelt lebten alte Kindheitserinnerungen in mir auf. Ich erkannte mich und meine Eltern immer mehr in seinen Schilderungen wieder. Auf einmal ging es nicht mehr nur um meinen Sohn, sondern um mein eigenes Leben – und darum, wie anstrengend vieles für mich und meine Mutter immer war.

Plötzlich stand die Frage im Raum: Bin ich eventuell selber betroffen? Ich bin eher introvertiert, was nicht unbedingt dem typischen Bild entspricht, das man als Außenstehender von ADHS hat. Nach dem Vortrag saß ich noch lange im Auto und versuchte unter Tränen, meine Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Die Vorstellung, dass diese Diagnose eine viel größere Tragweite hat – und ich selbst Teil davon sein könnte –, hat mich völlig überrollt.

Der steinige Weg zur Testung

In der folgenden Zeit habe ich mich immer tiefer in das Thema Frauen und ADHS eingelesen. Besonders hilfreich fand ich das Buch „Die Welt der Frauen und Mädchen mit AD(H)S1“ sowie die Beiträge und einen Vortrag von Astrid Neuy-Lobkowicz2. Motiviert von Russell Barkley,3 der schreibt, dass betroffene Eltern bei eigenem Verdacht unbedingt eine Testung in Betracht ziehen sollten, um den Alltag mit ADHS-Kindern besser bewältigen zu können, fing ich an, konkret darüber nachzudenken. Ein Selbsttest auf adhs-erwachsene.net lieferte mir einen ersten, ziemlich eindeutigen Indikator. Doch die Suche nach einer offiziellen Stelle war frustrierend. Die Infos im Internet waren vage, die Wartezeiten lang.

Besonders entmutigend war das Gespräch mit meiner damaligen Hausärztin. Sie reagierte sehr ablehnend und fragte, wie ich überhaupt auf diese Idee käme – ich hätte doch studiert und promoviert. Ihrer Ansicht nach kämen Erwachsene mit ADHS im Leben nicht zurecht. Am Ende stellte sie sogar die Diagnose meines Sohnes infrage. Für mich war das keine Unterstützung, und ich habe die Praxis inzwischen gewechselt.

Auch danach bin ich immer wieder auf ähnliche Vorurteile gestoßen: „Du? Aber du bist doch so ruhig“ oder „Du bekommst doch alles hin“. Was dabei niemand sieht: wie viel Kraft es mich kostet, dieses Bild aufrechtzuerhalten. Wie viele nächtliche Überstunden mich meine Flüchtigkeitsfehler gekostet haben. Wie oft ich noch einmal von vorne anfangen musste, weil ich die wichtigsten Details überlesen hatte. Selbst die Selbsthilfegruppen von ADHS Deutschland e.V. waren für mich keine große Hilfe. Statt Orientierung zu bekommen, bin ich dort eher auf bürokratische Hürden gestoßen und erhielt die klare Auskunft, dass man zu Testungen bei Erwachsenen keine Informationen geben könne.

Da eine ADHS-Testung bei Erwachsenen in der Regel nicht direkt von den Krankenkassen übernommen wird, muss man die Kosten zunächst selbst tragen. Umso wichtiger ist es, die passende Praxis sorgfältig auszuwählen. Zwar bieten auch Heilpraktiker oder ADHS-Coaches kurzfristig Testungen an, diese dienen jedoch meist nur der persönlichen Orientierung und sind medizinisch nicht anerkannt. Für mich war deshalb klar, dass ich die Diagnostik bei einem zugelassenen Facharzt durchführen lassen möchte – auch mit Blick darauf, bei Bedarf eine weiterführende Behandlung einleiten zu können. So landete ich schließlich in der Psychiatrischen Praxis bei Dr. Langenbacher in Backnang. Die Praxis ist zwar überlaufen, aber ich war mit dem Ablauf sehr zufrieden, auch wenn es vom Erstkontakt bis zur Empfehlung fast ein Jahr dauerte.

Der Test und meine Erkenntnisse

Zunächst fand ein Vorgespräch statt, das von der Krankenkasse übernommen wurde. Das fand ich sehr wertvoll, um erst einmal zu klären, ob überhaupt Anzeichen vorliegen, bevor man privat Geld investiert. Erst nach diesem „Vortest“ folgt die eigentliche Honorarvereinbarung. Die Kosten lagen bei mir bei ca. 560 Euro für die komplette Diagnostik inklusive Befundbericht. Damit liegt die Honorarvereinbarung eher im unteren Bereich der Vergütung für die komplette Testung (inkl. standardisierter Test, Einzelgespräch, biographischer Anamnese und einem schriftlichen Befundbericht). Da die Rechnung nach §2 GOÄ ausgestellt wird, lohnt es sich, sie bei der Krankenkasse einzureichen – man bekommt zumindest den Regelsatz anteilig erstattet. Das habe ich selbst erst im Nachhinein gemerkt.

In der Nacht vor dem eigentlichen Termin träumte ich noch, wie ich im „ADHS-Flow“ in die völlig falsche Richtung lief und den Termin verpasste. Also fuhr ich viel zu früh los und vertrieb mir zwei Stunden in Backnang die Zeit. Der Test selbst war dann sehr entspannt. Da ich allein zur Testung erschien, sollte ich unbedingt meine alten Zeugnisse mitbringen. Zudem hatte ich mir im Vorfeld viele Notizen gemacht, aus Angst, dass mein Kopf im Stress plötzlich leer sein würde – so wie es mir öfter passiert, wenn ich unter Druck stehe. Chronologisch gingen wir meine Kindheit, das Studium und die Arbeit durch. Ich hatte genau aufgeschrieben, wo ich früher und heute konkret Probleme habe.

Danach gingen wir den standardisierten Test durch. Dabei wurde mir erst richtig bewusst, wie viel meine Mutter damals kompensiert hat, damit ich „funktionierte“. Auf die Frage, ob ich als Kind viel verloren oder vergessen hätte, antwortete ich erst: „Das konnte ich gar nicht, weil meine Mutter Schals und Handschuhe meistens an meiner Jacke angenäht oder so befestigt hatte, dass ich sie nicht verlieren konnte.“ Der Arzt fragte erstaunt nach: „Also war Ihrer Mutter bewusst, dass Sie sehr oft Dinge verlieren?“ Im Nachgang wurde mir klar, wie viel sie mich unausgesprochen unterstützt hat: mit Listen zum Abhaken für das Ferienlager, mit speziellen Ordnungssystemen oder sogar mit robustem Kindergeschirr, weil ich ständig Dinge vom Tisch stieß, da ich immer so hibbelig war.

Oder die Frage, ob ich Probleme hätte, in Meetings sitzen zu bleiben. Meine Antwort: Ich gehe gerne ausgiebig auf die Toilette oder biete an, Kaffee zu holen. Man ist der Held, und ich kann mich bewegen. In Restaurants bin ich auch immer froh, wenn ein kleines Kind dabei ist – die müssen ja raus, brauchen Abwechslung. Das übernehme ich dann liebend gern. Alle sind dankbar, dass ich mich „aufopfere“ – in Wirklichkeit bin ich einfach froh, endlich dem Sitzen entrinnen zu können.

Fazit

Der Weg zur Diagnose war lang und emotional. War er nötig? Ja. Nicht, weil sich seitdem alles verändert hat, sondern weil ich aufhören kann, mich selbst und meine eigene Kompetenz ständig infrage zu stellen. Und weil ich dadurch nachsichtiger mit mir geworden bin.

Natürlich hadere ich auch heute noch mit der Diagnose – besonders dann, wenn ich die stark defizitorientierte Sichtweise mancher Fachliteratur lese. In solchen Momenten fällt es mir schwer, wohlwollend auf mich selbst zu schauen. Gleichzeitig hat mir die Diagnose geholfen, mich besser zu verstehen und viele Erfahrungen aus meiner Vergangenheit einzuordnen.

Meine Bewunderung für meine Mutter – die leider schon verstorben ist – ist dabei noch einmal gewachsen. Heute sehe ich klarer, wie viel sie aufgefangen und ausgeglichen hat. Ich hätte mir gewünscht, noch mit ihr darüber sprechen zu können. Vielleicht hätten wir manches gemeinsam besser verstehen und uns ein Stück versöhnlicher begegnen können.

In den nächsten Artikeln schreibe ich über meine Erfahrungen mit der Diga (digitale Gesundheitsanwendung) Attexis und Medikamenten.

Quellenangaben

  1. Carl, Christine / Dittrich, Ismen / Koentges, Christa / Matthies, Swantje: Die Welt der Frauen und Mädchen mit AD(H)S. 5. Auflage, Beltz Verlag, 2023. (Von starken Träumerinnen und Stehauf-Frauen) ↩︎
  2. Neuy-Lobkowicz, Astrid: Habe ich AD(H)S? … und wenn ja, was mache ich Gutes draus? 4. Auflage, Gräfe und Unser Verlag, 2024. (Die Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie ist auf die Behandlung von AD(H)S bei Erwachsenen spezialisiert und ist selbst betroffen.) ↩︎
  3. Barkley, Russell A.: Das große ADHS-Handbuch für Eltern: Verantwortung übernehmen für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. 4. überarbeitete Auflage, Hogrefe Verlage, 2021. (Ein Standardwerk, das besonders die genetische Komponente und die Herausforderungen für betroffene Eltern beleuchtet). ↩︎


Entdecke mehr von ✨ ADHS Selbsthilfe

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ähnliche Beiträge

Kommentar verfassen